Pressemitteilung
Kooperieren statt blockieren – wie Agrarumweltpolitik funktionieren kann
Aktualisiert am 21.05.2026
Derzeit wird die Zukunft der Agrarlandschaft auf zwei Ebenen intensiv diskutiert: In Brüssel, Berlin und den Bundesländern ringt die Politik sowohl um die Reform der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) als auch um die Umsetzung der Wiederherstellungsverordnung (W-VO). Doch obwohl beide Instrumente oft dieselben Flächen und Menschen betreffen, droht die Förderstruktur der einen die Naturschutzziele der anderen zu unterlaufen. Mit der Konsequenz, dass Landwirt:innen weiter zwischen den Stühlen sitzen, Fördergelder verpuffen und Deutschland seine Wiederherstellungsziele verfehlt.
Eine Landschaft unter Druck
Die Agrarlandschaft macht mit ihren Äckern, Wiesen und Weiden über die Hälfte der Landfläche Deutschlands aus. Hier bauen Landwirtschaftsbetriebe an, was uns versorgt. Zugleich sind unsere Agrarökosysteme Heimat für eine schwindende Vielfalt teils hoch spezialisierter Arten. Rebhuhn und Steinkauz sind hier ebenso zu Hause wie Wildbienen und Schmetterlinge oder Pflanzen wie Frauenmantel, Ackerrittersporn und Teufelsabbiss.
Doch infolge intensiver Nutzung sind diese Ökosysteme in schlechtem Zustand und vom Biodiversitätsrückgang besonders stark betroffen. Die Zahlen sind alarmierend: Seit den frühen 1980er Jahren hat Deutschland über ein Drittel seiner Feldvogelpopulationen verloren. Die Insektenbiomasse ist über 75 Prozent zurückgegangen und auch die Artenvielfalt hat stark abgenommen.
Das sind nicht nur ökologische Verluste. Dieser massive Rückgang gefährdet Bestäubung, natürliche Schädlingskontrolle und Bodenfruchtbarkeit – also die Grundlagen der Landwirtschaft selbst. Wer den Schutz und die Nutzung der Agrarlandschaft heute immer noch nicht zusammendenkt, ignoriert die Funktionsweise dieses Ökosystems.
Eine Fläche, zwei Reformen
Die WVO setzt hier an: Auf 20 Prozent der degradierten Ökosysteme sollen die Mitgliedstaaten bis 2030 Maßnahmen zur Wiederherstellung ergreifen. Die Verordnung lässt den Mitgliedstaaten dabei erheblichen Gestaltungsspielraum, denn sie gibt zwar die Ziele vor – nicht aber den Weg dahin. Sie entscheiden, welche Flächen priorisiert werden, welche Maßnahmen greifen, wie die Landwirtschaft und andere Akteure in der Region eingebunden werden.
Die nationalen Maßnahmen sollen unter anderem eine Trendumkehr des Feldvogelindex bewirken und entwässerte Moorflächen wieder vernässen. Dafür braucht es auch die Agrarlandschaft. Für einen Ackerbauern bedeutet das konkret: Er soll auf einem Teil seiner Flächen Lerchenfenster einrichten, Randstreifen extensivieren oder Drainagen zurückbauen. Doch für diese Maßnahmen braucht er verlässliche Förderung und betriebliche Planungssicherheit.
In und mit Brüssel wird zugleich weiter um die Gelder des EU-Haushaltes gerungen. Absehbar ist: Das Budget für die GAP wird sinken und tritt in harte Konkurrenz mit anderen Ausgaben. Dass die Agrarbudgets bei knappen öffentlichen Kassen unter Druck geraten, ist nachvollziehbar. Dass die vorgesehene Mittelverwendung die einhelligen Empfehlungen der Wissenschaft sowie der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) ignoriert, überrascht allerdings: Das Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Leistung“ scheint keine Rolle mehr zu spielen.
So sind aktuell keine Mindestbudgets für Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen mehr vorgesehen. Stattdessen sollen die Mitgliedsstaaten diese Maßnahmen deutlich stärker kofinanzieren, was ihre Umsetzung in zahlreichen Bundesländern aufs Spiel setzen dürfte. Stattdessen bekämen die Landwirt:innen wieder pauschale Flächenprämien ohne eine nennenswerte ökologische Gegenleistung zu liefern – finanziert durch Steuergelder.
Das wäre nicht nur ein umwelt-, sondern auch ein agrar- und haushaltspolitischer Rückschritt: Eine Landwirtschaft, die weiter Bestäuber verliert, Böden degradiert und Wasser vernutzt, wirtschaftet auf Kosten der Zukunft. Und beraubt sich selbst der Argumente, um künftig starke Agrar-Förderbudgets zu beanspruchen.
Kooperativen: Naturschutz gemeinsam in die Fläche bringen
Dabei gibt es in der Praxis bereits Ansätze, die Landwirtschaft und Naturschutz nicht nur zusammendenken, sondern auch gemeinsam in die Fläche bringen. Nach dem Vorbild der Niederlande entstehen seit einigen Jahren Kooperativen für Agrarnaturschutz in mehreren deutschen Bundesländern. Das Prinzip: Betriebe schließen sich zusammen und setzen Maßnahmen überbetrieblich um. Die Koordination übernimmt ein professionelles Kooperativen-Management, etwa die örtlichen Landschaftspflegeverbände.
In intensivem Dialog planen Landwirt:innen und Kooperativen-Management gemeinsam, wo welche Maßnahme wann umgesetzt wird. Der Vorteil gegenüber dem einzelbetrieblichen Ansatz ist erheblich: Kooperativen können landschaftsbezogen planen und so beispielsweise Blühflächen oder Hecken wirksam platzieren und vernetzen. Mit dem ökologischen Effekt steigt auch die Effizienz der eingesetzten Fördermittel.
Nicht zuletzt machen Kooperativen es möglich, die Maßnahmen besser auf die Betriebsabläufe abzustimmen. So pflegen in Baden-Württemberg Winzer:innen ihre Rebböschungen und Rebgassen gemeinsam mit dreifachem Erfolg: Sie schaffen artenreiche Blühflächen und verbinden wertvolle Biotope.
Gleichzeitig stärken sie die Bewirtschaftung, drängen invasive und unerwünschte Arten zurück und halten die Landschaft offen – ein Aufwand, der für einzelne Betriebe kaum zu stemmen ist. Und dank der Koordination der Anträge und Maßnahmen stellen 300 Winzerbetriebe aktuell nur 17 gemeinsame Förderanträge. Diese Win-win-Lösung für Natur und Landwirtschaft wäre ohne betriebsübergreifende Zusammenarbeit nicht möglich.
Die W-VO braucht Augenhöhe
Im direkten Dialog von Landwirtschaft und Naturschutz können Kooperativen Akzeptanz und Mitbestimmung dort schaffen, wo die Wiederherstellungsverordnung am Ende umgesetzt werden muss. Das ist zum Beispiel in Brandenburg gelungen, wo die Kooperative dank vieler Gespräche mit den Betrieben und intensiver Beratung nun über 200 Hektar Moorfläche durch angepasste Stauhaltung nass hält. Anfangs noch skeptische Landwirte werben nun selbst in der Region für die Maßnahme.
Diese Kooperativen sind kein Ersatz für verbindliche Naturschutzziele und ausreichende Mittel. Aber sie sind ein Instrument, das beides in die Praxis übersetzt und für die Betriebe gestaltbar macht – effizienter, demokratischer und mit höherer Wirkung als bisherige Ansätze. Damit sie wirksam werden können, brauchen auch Kooperativen eine solide Finanzierung des Managements und ausreichend Budget, um Maßnahmen umzusetzen. Nur so können sie die Zusammenarbeit stärken, welche die Fläche längst erfordert.
Gemeinsam oder gar nicht
Lassen Sie uns die Chance nutzen und die Prozesse um GAP und W-VO konsequent zusammenbringen – für eine zukunftsorientierte, resiliente Landwirtschaft, die ökologische und ökonomische Anforderungen harmonisiert. Dafür brauchen wir die W-VO, die es den Mitgliedstaaten mit verbindlichen Zielen und großem Gestaltungsspielraum erlaubt, standort- und akteursangepasste Lösungen zu entwickeln.
Wir brauchen in der GAP nach 2027 ein festes und ausreichendes Umweltbudget auf dessen Basis die Landwirtschaft zu den Wiederherstellungszielen beitragen kann, statt den Zustand weiter zu verschlechtern. Und wir brauchen Kooperativen als Instrument der Agrar- und Umweltpolitik, weil sie Maßnahmen auf Landschaftsebene wirkungsvoll, auf Augenhöhe und praxisnah gestalten.
Wer jetzt das Umweltbudget der GAP opfert oder die Ziele der W-VO nicht ambitioniert verfolgt, spart an der falschen Stelle. Und zahlt später einen weit höheren Preis: ökologisch und wirtschaftlich.
Maria Noichl ist Vorsitzende des Deutschen Landschaftspflegeverband und SPD-Abgeordnete im Europäischen Parlament. Jörg-Andreas Krüger ist Präsident des Naturschutzbunds Deutschland.
Der Beitrag erschien zuerst im Tagesspiegel Background Agrar & Ernährung.